Wenn man aus der Klinik kommt, eine erfolgreiche 8-wöchige stationäre Therapie hinter sich hat,im Anschluss eine 1 1/2 jährige Einzel- und Gruppentherapie macht, sollte man glauben,dass man es geschafft hat.Ich wollte es schaffen,ich habe daran geglaubt,mein Leben in den Griff zu kriegen und ich habe mein Leben in den Griff bekommen. Ich kann wieder zur Uni gehen,Prüfungen schaffen,alles was man in der Uni eben so macht.Ich habe einen Job, zwar nur so einen 400- Euro Job als Aushilfe im Back-Shop (Ironie des Schicksals),aber den mache ich immerhin sehr gut.Ich mache meine ehrenamtlichen Tätigkeiten und die nehmen auch nicht wenig Zeit in Anspruch.

Ich mache das alles,ich schaffe das alles,aber leider nicht ohne kotzen. Ich hab in den Einträgen seit der Klinik so stolz davon erzählt,was ich alles geschafft habe. Wie ich hinter die Gründe meiner Krankheit gekommen bin,aber das war leider nicht die ganze Wahrheit. Ich hab mein Leben wieder in der Hand.Ich packe  die Uni,bin mit meinem sexy Doktoranden glücklich und schaffe meinen Job und mein Ehrenamt,aber so ganz ohne kotzen geht das nicht.Das habe ich verschwiegen,aber das will ich nicht mehr. Ich wollte so stark sein,alles besser machen,aber es geht nicht alles.Das kotzen ist wiedergekommen. Ein halbes Jahr habe ich es nach der Klinik ausgehalten,ich habe echt gekämpft,mir so viel Mühe gegeben,aber irgendwann ging es nicht mehr,da musste es mal "raus" im wahrsten Sinne des Wortes.Es war nicht mal ein so toller Anlass: Ich hatte einen langen Tag in der Uni,war total gestresst und hab gedacht: was wäre,wenn du dir mal etwas Erleichterung verschaffen könntest? (Im Zug kotzen,das kriegt fast niemand mit und du hast den Druck nicht mehr! und dann hab ich es einfach gemacht,es war als würden Tonnen von meinen Schultern fallen)

Ich fühle mich schuldig,dass ich über so lange Zeit nicht die Wahrheit gesagt habe.Denn ich habe viel Fortschritte gemacht durch harte Arbeit!Aber das kotzen war doch immer auch beteiligt,in harten Prüfungssituationen,wenn ich viele Abendtermine hatte oder es in der Arbeit stressig wurde,da war es doch auch immer wieder das Kotzen,das geholfen hat. Natürlich hilft kotzen nicht wirklich,es löst kein einziges Problem,aber es hat es leichter gemacht,erträglicher,der Druck war erstmal weg.Zum Glück ist das kotzen nicht mehr so schlimm wie früher, je nachdem so 2-3 mal die Woche (früher war es 2-3 mal täglich) und es gibt auch immer wieder Wochen,wo von kotzen keine Rede ist,zum Glück. Es ist viel weniger geworden,aber es ist nicht weg,auch wenn ich es mir wünschte,es ist hartknäckiger,aber ich komme soweit klar damit. Ich habe keine ernsten Fressattacken,ich habe mein normales Leben im Griff,aber das kotzen geht eben nicht weg,es ist da,aber ich kann damit umgehen. Ich kenne das seit 10 Jahren, es gehört irgendwie zu mir.Es darf nur nie wieder so schlimm werden,dass die Bulimie mein Leben bestimmt,solange muss ich wohl damit leben.

Ich würde es gern auch meinem Freund und meinem Therapeuten sagen,aber davor habe ich zuviel Angst. Ich schäme mich so unendlich,dass ich sie anlüge,denn das tue ich,wenn ich sage,dass die Bulimie keine Rolle mehr in meinem Leben spielt.Ich hätte schon beim ersten Rückfall sagen sollen,dass ich einen Rückfall hatte stattdessen habe ich es verschwiegen und darauf verwiesen,was ich gut gemacht habe. Ich wollte nicht zurück fallen, keinen Misserfolg erleben.Ich wollte die starke Charlotte sein,die es geschafft hat, die Bulimie zu besiegen,aber das ist wohl nicht gelungen.

Das ist mein Geständnis,die Beichte,die so lange schon fällig ist,aber erst jetzt habe ich mich getraut,immerhin.Was soll ich noch sagen,wo ich so lange gelogen habe?Es tut mir leid,für euch und für mich!

Liebe Grüße Charlotte